Swarm und der T-Rex auf Speed #Aktualisiert

Lobo, Swarm, ein unsichtbarer Dinosaurier und was es mit uns macht

Es ist Freitag morgen, und wie immer fällt mein erster Blick des Tages auf mein iPhone. Es ist mein Wecker. Automatisiert scanne ich bereits im Halbschlaf die Pushbenachrichtigungen auf dem Startbildschirm. Die sind heute alle orange. Ich reibe mir die Augen. Was ist denn das?

Noch bevor ich ins Bad gehe, habe ich eine der Pushbenachrichtigungen geöffnet und erinnere mich: Achja, Swarm. Das hatte ich gestern abend noch installiert. Und die Pushbenachrichtigungen zugelassen. Erst mal. Das mache ich bei jeder neuen App. Erst mal gucken, was die mir schickt. Bei den meisten Apps habe ich sie irgendwann wieder deaktiviert.

Dusche, Kaffee. Swarm.

Ich studiere erst mal den Stream und bin nicht sicher, ob er mir alle meine Foursquare-Kontakte anzeigt, oder ob bereits alle Kontakte Swarm geladen haben. Aber es sind viele Benachrichtgungen. Sehr viele. Sehr viele, die nicht aus meiner Nähe gesendet wurden. Bei Foursquare hatte ich bei jedem meiner Kontakte eingestellt, dass ich nur über seine Check-Ins benachrichtigt werden will, wenn sie in meiner Nähe sind.

Ich bin in Hamburg und sehe, dass Victoria in Dänemark ist, Michael in Berlin, Anett in Fürstenfeldbruck und Malte in Eimsbüttel. Jemand hat in der letzten Stunde in sämtlichen U-Bahnstationen der U3 eingecheckt. Soll das so?
Na, ok. Ich deaktiviere das automatische Umgebung-Teilen und checke in meinem Labor ein, mit einem Kaffee-Icon.

Und wundere mich.

Gerade kommen wir alle von der re:publica. Wir haben alle Sascha Lobos Rede zur Lage der Nation gelauscht. Wir haben auf einer re:publica niemals vorher betroffenere Gesichter* gemacht. Es geht um Spähangriffe, Datensammelwut, Auswertung

Foto: Gregor Fischer/re:Publica

Foto: Gregor Fischer/re:publica

unserer Bewegungsdaten durch fremde und eigene [sic!] Geheimdienste, die Untätigkeit und Hilflosigkeit der deutschen Politik in einer Sache, die unsere persönliche Unversehrtheit bedroht. Und um die Bedrohung der Parlamentarier im Untersuchungsausschuss um die Überwachungsaffäre. Durch unsere eigene Regierung. Und es geht um unsere eigene Lethargie. „Das Internet ist kaputt und es ist Euch egal!“ hat Sascha Lobo der Netzgemeinde vorgeworfen. Wir haben einen Tyrannosaurus Rex auf Speed in unserem Wohnzimmer. Aber weil wir glauben, nichts gegen ihn tun können und er ja auch eigentlich noch niemandem fühlbar etwas getan hat, nehmen wir ihn nicht wahr. Er ist unsichtbar. Wir fühlen uns nicht tatsächlich bedroht. Oder? Vielleicht wollen wir uns aber auch einfach nicht bedroht fühlen. Vielleicht hoffen wir alle ganz tief in unserem Inneren, dass die Welt gut ist, dass schon nichts schlimmes mit unseren Daten passieren wird, und dass es – wenn etwas passiert – ohnehin nur die anderen trifft. Und deshalb wollen wir auch weiter all diese nützlichen kleinen bunten Apps benutzen, die jeden Schritt von uns aufzeichnen und unsere Freunde aus der Netzgemeinde daran teil haben lassen. Swarm. Ich wundere mich, denn die ersten Reaktionen sind eher euphorisch, und im Twitter-Stream finde ich überwiegend unkritische Kommentare. Die Farbgebung wird bemäkelt, und dass man sich schon wieder umstellen muss.

Datenschutz? Sind wir dann eigentlich sicher?

Und – immerhin – gibt es einige Hinweise auf die Privatsphäreeinstellungen. Die sich übrigens hinter dem eigenen Profilbild verbergen.

Datenschutz?

Datenschutz?

In diesen gut versteckten Einstellungen kann man in den Datenschutzeinstellungen deaktivieren, ob man von anderen eingecheckt werden kann, ob der Venue Manager (zum Beispiel Ladenbesitzer) einen als Stammkunden identifizieren kann, ob man selbst auch dann, wenn die App geschlossen ist, permanent mitteilt, wo man sich gerade aufhält, und ob man es total ok findet, dass Swarm die Bewegungsdaten für ortsbezogene Werbung auch an Drittanbieter raus haut (oder wie ist der letzte Punkt zu deuten?).

All diese mehr oder weniger fragwürdigen Punkte sind natürlich aktiv voreingestellt.

Ich bin mir nicht sicher.

Ich deaktiviere erst mal alles. Außer die Links zu Facebook und Twitter. Hm. Was machen die eigentlich genau? Ich teile eben ab und an meinen Aufenthaltsort. Normalerweise dort wo ich erwarten kann, auf andere zu treffen. Aber was machen diese Links zu Twitter und Facebook eigentlich noch?

Ich klicke mich durch die Einstellungen und finde die Nutzungsbedingungen, Datenschutzrichtlinien und Cookie-Richtlinien. Drei sehr, sehr lange Texte, zum größten Teil auf englisch. Selbst wenn ich mir die Zeit nehmen würde, die zu lesen (und es wäre viel Zeit), selbst wenn sie komplett auf deutsch wären: Ich weiß, ich würde sie nicht verstehen. Die Tiefe der Worte nicht begreifen. Die vorsichtigen, drögen, rechtlich aalglatten Formulierungen nicht vollumfänglich in ihrer letztendlichen Bedeutung erfassen.

Ich deaktiviere erst mal alles, aber ich bin mir nicht sicher, ob es was überhaupt etwas bringt. Vielleicht ist es ja auch nur Kosmetik, ein Häkchen zu setzen. Vielleicht ist es völlig egal, was ich mache, vielleicht werden meine Daten trotzdem irgendwo hin transferiert und von irgendwas ausgewertet und für sonstwas interpretiert und benutzt.

Nicht bedroht. Nicht sicher.

Ich fühle mich nicht aktiv bedroht, denn ich sehe (jetzt) keinen Grund, warum ich bedroht werden sollte. Aber ich fühle mich auch niemals sicher.

Denn ich weiss nicht, ob sich das nicht vielleicht mal ändern wird. Vielleicht lebe ich heute Selbstverständliches, was mir irgendwann aufgrund meiner irgendwo zusammengetragenen und ausgewerteten Daten zum Verhängnis werden wird.

Weil unsere Welt sich bis dahin weiter gedreht hat, die Kulturen sich verändert und verschoben haben. Die heutigen Freiheiten des Einzelnen als Bedrohung für eine Gruppe gedeutet werden könnten, die sich dann wehren möchte. Bedürfnisse und Möglichkeiten sich verändert haben.

Freiheit und Sicherheit unserer Demokratie

Es geht nicht darum, ortsbasierte Apps nicht mehr zu nutzen. Sie sind nützlich. Unterhaltsam. Sinnvoll für unsere Netzgemeinde. Sie helfen uns, und sie machen Spaß.

Es geht darum, dass wir in der Lage sein sollten, selbst zu bestimmen, was die App-Anbieter mit unseren Daten machen. Wo und wie lange sie sie speichern. Wie und zu welchem Zweck sie ausgewertet werden. Sie löschen zu können, wenn wir das möchten. Verlässlich.

Es geht darum, dass wir sicher gehen wollen, dass diese Daten nicht an Geheimdienste weiter gegeben werden. Dass wir wissen wollen, wer hinter einem Unternehmen, das unsere Daten sammelt, steckt. „Und daher müssen wir für das Netz und die Unversehrtheit der digitalen Vernetzung kämpfen!“ sagt Lobo. Und ich stimme ihm zu.

Wir sind die Lobby.

Lasst uns anfangen. Am Samstag auf dem Hamburger Rathausplatz zum Beispiel. Freiheit statt Angst, ist das Motto, zu dem das Hamburger Bündnis gegen Überwachung uns alle zur Demonstration auffordert, und genau darum geht es. Zu sagen, deutlich zu machen, zu demonstrieren, dass wir nicht mit dem ständigen Gefühl, überwacht zu werden, leben wollen. Dass wir einfach in unserer Demokratie keine Angst haben wollen.

Und Ihr? #wasesmitunsmacht

Aber vielleicht bin ich auch nur paranoid. Zu misstrauisch. Überängstlich. Und was mich interessieren würde: Wie geht es Euch denn damit? Wie fühlt es sich für Euch an, wenn Ihr nach den Einstellungen einer bunten App sucht, um die Datenschutzvoreinstellungen zu checken? Sucht Ihr überhaupt danach? Seht Ihr das locker? Fühlt Ihr Euch beobachtet? Habt Ihr resigniert? Ist es Euch egal?

Kommentiert hier oder bloggt oder twittert unter dem Hashtag #wasesmitunsmacht wie Ihr Euch wirklich mit den ganzen Apps fühlt, von denen Ihr wisst, dass sie Eure Daten aufzeichnen. Google Maps und Foursquare und Facebook, Twitter, WhatsApp, sogar Angry Birds? Ich bin gespannt.

*Randnotiz: Ich habe auch keine Session vorher und nachher gesehen, in der so viele Leute zum Speaker und so wenige Leute in ihr Smartphone geschaut haben.


 

Foursquare Swarm

https://de.foursquare.com/delete_me

EDIT 22. Juli 2014 – Swarm wird Pflicht. Nicht.

Ich hatte Swarm nach einer Testphase wieder gelöscht, weil es nicht möglich war für mich relevante Datenschutzpunkte zu deaktivieren: Jedes mal, wenn ich die Häkchen ausgeklickt, gespeichert und das Menü verlassen habe, waren die Häkchen beim erneuten Aufrufen des Menüs wieder aktiviert.

Nach der Deinstallation von Swarm konnte ich die Foursquare-App wieder im vorherigen gewohnten Umfang nutzen. Am 22. Juli hat Foursquare mitgeteilt, dass die Check-In-Funktion in ihrer App deaktiviert wird, und dass es nun Pflicht ist, Swarm zu nutzen, wenn man einchecken will.

Solchen Pflichten kann man sich entziehen. Wir haben immer die Wahl. Ich habe meinen Account gelöscht.

Anderen geht es ähnlich.

 

Posted on 16. Mai 2014 in Communication, Mobile Tools

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About the Author

Sandra Schink schreibt, bloggt und fotografiert seit 1990 für Redaktionen, Agenturen, Theater und Veranstalter. Für Unternehmen erstellt sie Konzepte für Blogs, setzt sie um, gestaltet sie und füllt sie mit Inhalten in Wort und Bild. Sie dolmetscht zwischen Kunden und Nerds, Journalisten und Bloggern. Zudem testet sie Produkte, Services, Mobilitätskonzepte und alternative Reisen auf Alltags- und Familientauglichkeit. Vita

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