Meinungspirat Robert Basic kapert Springers Special-Interest-Portale

Die Macher hatten sich das vermutlich etwa so vorgestellt: Wir machen was mit Special-Interest, füllen das mit ganz vielen Texten, in denen ganz viele von diesen dollen Schlagwörtern drin sind, die Google so gerne mag, und dann haben wir auch ganz viele Leser und unsere Anzeigenkunden, die diese modernen Gadgets verkaufen, freuen sich ganz doll.

Und so wurden vor einem Jahr eKitchen für Themen und Gadgets rund um das Kochen, und im Fühjahr 2015 eVivam (PM) für die Gesundheitsfreaks und eGarden (PM) für die elektronikverliebten Gärtner aus der Taufe gehoben. Drei Special-Interest-Portale rund ums Leben nach Feierabend, mit dem Schwerpunkt auf „e“ wie Elektronik, die uns eben jenes Leben nach Feierabend leichter oder informativer machen soll. Eigentlich eine gute Idee.
Hätten sie vor lauter „e“ und „Special“ und SEO-Optimierung nicht das Wichtigste vergessen: Das Leben eben, das Leben ihrer Leser. Und so kommen die Portale nun leicht blutleer daher. Die Themen sind unspezifisch im sachlichen Pressetext-Stil gehalten, sicher zuweilen informativ. Aber so weit liest keiner, denn sie sind vor allem langweilig.
Kein Wunder also, dass hier niemand kommentiert. Was soll man dazu auch schon groß sagen?

Stockflecken statt Fotos

Die Fotoauswahl ist stockig, was mich als Fotografin besonders erstaunt: Sind die Portale doch „Kinder“ der Computerbild, und damit der BILD also. Und die heißt doch BILD und nicht TEXT. Gosh, was wurde bei Springer früher Wert auf ein erzählendes Aufmacherbild gelegt. „Erzähl die ganze Geschichte in einem Bild!“ hieß es da noch. Doch heute scheint niemand mehr Wert auf authentische und lebendige Fotos zu legen. Hauptsache, es kostet nichts und illustriert – irgendwie.
Bei eVivam, eKitchen und eGarden reihen sich Stockfotos an Stockfotos mit grenzdebil lächelnden Stockfotomodels, austauschbar, nichtssagend, nur unterbrochen von rundgelutschten Herstellerfotos. Nichts was mitreißt, nichts was neugierig macht, was anmacht. Bilder wie Plazebos, so lustfördernd wie eine blaue Pille: Effektiv genug um die Leute so gerade bei der Stange zu halten.
Aber nicht wirklich sexy.

Zugriffsstatistiken eVivam

Zahlen auf SimilarWeb

Zugriffsstatistiken eKitchen

Zahlen auf SimilarWeb

Zugriffsstatistiken eGarden

Zahlen auf SimilarWeb

Der wilde Blogger im starren Verlagssystem: Robert Basic

Das haben auch die Macher begriffen. Auch wenn die Zugriffszahlen (die zweifellos der Nähe zur Computerbild geschuldet sein werden) nach kaum einem Jahr jeden Neu-Blogger erblassen lassen würden, ist es ihnen offensichtlich bewusst, dass inhaltlich und gestalterisch noch ein wenig der Schmackes fehlt. Die Entscheidung von Computerbild-Chef Axel Telzerow, sich für eben jenen Schmackes Blogger-Urgestein Robert Basic (Gründer des Tech-Blogs Basic Thinking) ins Boot zu holen, ist allerdings ein Kracher.

Und zeugt von viel Mut und Experimentierfreude – von beiden Seiten. Hier die Redaktion mit Artikeln nach journalistischen Vorgaben. Hier wird jeder Artikel nach Quellen abgeklopft, jedes Satzzeichen hat zu sitzen, der Redaktionsstil hat eingehalten zu werden, die Meinung des Autors ist nur bedingt erwünscht, und dann auch bitte nicht zu launig formuliert. Hier werden die Leser gesiezt, wenn man sie denn überhaupt je direkt anspricht, und jeder Artikel wird erst vom CvD inspiziert, bevor er freigegeben wird. Das Redaktionssystem dürfte erfahrungsgemäß komplexer sein, als jedes WordPress-Blog, und den nur Redakteuren bekannten journalistischen Abläufen folgen, die einen quereingestiegenen Einzelkämpfer-Publizisten in seinem normalen Blogger-Leben überhaupt nicht tangieren.
Dort der Wildwuchsblogger, der tippt wie ihm die Gedanken durch den Kopf fliegen, der sich gern mal in unendlichen Schachtelsätzen mit sparsamer Zeichensetzung ergeht, der seine Leser von seinem ersten Satz in seinem ersten Blog an konsequent geduzt hat, und der seine Artikel nach einem letzten groben Überfliegen raushaut. Um dann gegebenenfalls on the fly nach Hinweisen seiner Leser die eine oder andere Korrektur nachzuholen, wenn ein Satz allzu missverständlich angekommen sein sollte. Und der vor allem mit eben jenen Lesern wirklich spricht: Kommentare aufgreift, mit ihnen diskutiert, sich von ihnen inspirieren lässt und gerne auf einer Diskussion basierend Folgeartikel veröffentlicht. Und so mit ihnen in jedes Thema hineinwächst.

Viel zu lernen – und das ist gut so

Und auf diese Weise eben Leben in die Bude bringt. So wie er es seit jeher auf Basic Thinking mit großem Erfolg praktiziert hat. Häufig provokativ, kontrovers, mit viel Meinung, aber nie unbelehrbar. Eher wissbegierig wie ein Kind, neugierig und experimentierfreudig auf jedes neue elektronische Spielzeug stürzend, Erfahrung und Ideen mit seinen Lesern und anderen Bloggern austauschend, ständig lernend und entdeckend.
Diese Zusammenarbeit wird beiden Seiten mit ihren jeweils sehr eigenen Regeln und Abläufen viel Geduld, echte Neugier und Toleranz abverlangen. Doch wenn diese Voraussetzung gegeben ist,
wenn beide Seiten offen sind, wirklich miteinander zu arbeiten, sich auszutauschen, voneinander zu lernen und miteinander zu spielen, dann können sich aus den bisher rundgelutschten Special-Interest-Portalen interessante Plattformen entwickeln, die Leser zu Community-Mitgliedern werden lassen, weil sie alles bieten, was deren Herz begehrt: Unterhaltung, Informationen und Austausch auf Augenhöhe.
Das wäre ein wenig verrückt, wenn jetzt zusammenwachsen würde, was längst hätte zusammenwachsen müssen: Journalisten und Blogger (= Leser).
Aber warum sollte es nicht auch mal klappen?

Bleibt zu hoffen, dass Robert Basic sich nicht von alteingefahrenen Redaktionsregeln gegen seine eigenen, seinen Lesern wohlbekannten Eigenheiten einschränken lässt. Dass er in seiner Vorstellung auf eVivam seine Leser wie gewohnt duzt, bei eKitchen aber siezt, ist für jeden, der ihm und seinen Artikeln im Netz schon lange folgt, eher drollig. Und sicher einer dieser redaktionellen Vorgaben geschuldet, die man als Blogger einfach nicht versteht. Vielleicht aber auch nicht verstehen muss. Jedenfalls lässt es sich davon nicht ins Bockshorn jagen und schreibt selbst: „Erst mal einrocken.“ Bleiben wir gespannt.

Posted on 1. November 2015 in Blog, Community, Fotografie, Journalismus

Share the Story

About the Author

Sandra Schink schreibt, bloggt und fotografiert seit 1990 für Redaktionen, Agenturen, Theater und Veranstalter. Für Unternehmen erstellt sie Konzepte für Blogs, setzt sie um, gestaltet sie und füllt sie mit Inhalten in Wort und Bild. Sie dolmetscht zwischen Kunden und Nerds, Journalisten und Bloggern. Zudem testet sie Produkte, Services, Mobilitätskonzepte und alternative Reisen auf Alltags- und Familientauglichkeit. Vita

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top
%d Bloggern gefällt das: