Follow the white rabbit: Rote oder blaue Pille? Der Audi A4 Avant und die deutsche Wert(e)arbeit

Audi A4 Avant Matrix
Es hat immer etwas vom Verschwinden in eine wundersame Parallelwelt, wenn man der Presse-Einladung eines Premium-Auto-Herstellers zur Präsentation eines neuen Fahrzeuges folgt. Man steigt frühmorgens bei nebelklammen 8° im dunklen Hamburg in ein Flugzeug, steigt – nach einem formidablen Frühstück in der Business Class – im windigkalten München nochmal schnell um in eine Chartermaschine, und findet sich wenige Stunden später bei milden spätsommerlichen 18° unter dem blauen Himmel der Provence wieder.
Hier wird man von aufmerksamen gut gelaunten Mitarbeitern in Empfang genommen und herzlich begrüßt, beim zweiten formidablen Frühstück für den Tag gebrieft. Und dann wählt man sich eine dieser nagelneuen, perfekt durchdesignten und gut motorisierten Edelkutschen aus, die einen schnittig über die sorgfältig geplante Route bringen wird,
die zur Relais-Station führt, in der die Pressekonferenz stattfinden wird.
Bei der Präsentation des Audi A4 Avant war es gar ein Relais-Château, das Château La Coste in Le Puy-Sainte-Réparade, einem Ort an dem sich Architektur, Kunst und Wein zu einer sinnlichen Komposition in einen Weinberg schmiegen.
Architekten und Designer wie Tadao Andō und Frank O. Gehry und Künstler wie Louise Bourgeois und Guggi haben hier eindrucksvolle Spuren hinterlassen. Eine Kulisse wie aus einem surrealen Traum, fast klinische Kunstinseln inmitten der warmen Landschaft der traditionsreichen Provence mit ihren herbstlichen Farben. Ein Fest für Fotografen wäre es, jedem einzelnen Werk seine ganz eigene Perspektive abzuringen, auf den Moment mit dem ganz besonderen Licht zu warten…
doch halt.

Begeisterte Autoarchitekten mit Faible für kleinste Details

An diesem Tag geht es um das Werk der Auto-Architekten von Audi. Es ist der Tag der Designer eines gehobenen Mittelklasse-Kombis, der sich in dieser Kulisse nicht verstecken muss. Es macht Spaß die Begeisterung dieser Gestalter in ihren Stimmen mitschwingen zu hören, wenn sie leidenschaftlich davon erzählen, wie sie Zierleisten im Interieur final nochmal um 2mm versetzt haben, damit sie sich perfekt und harmonisch ins Gesamtbild fügen. Nennt es Fetisch, aber ich finde, es hat etwas sinnliches zu wissen, dass auch der Klang eines Dreh-Drückstellers*, des zentralen Bedienelements in der Mittelkonsole, nicht dem Zufall überlassen wird,
sondern von Soundingenieuren designt wird.
Nein, ich halte mich hier nicht mit technischen Details auf. Das haben andere bereits getan, die sie viel besser erklären und beurteilen können, als ich. Ausführliche Fahrberichte der A4-Limousine gibt es zum Beispiel von Milos Willing bei trendlupe oder auf passion:driving, mit dem Avant auf 1300ccm, und das Infotainment-System wird auf imaedia erklärt. Und wer wissen möchte, wie familientauglich der sportliche Kombi ist, findet im Bericht von Daddylicious-Blogger Kai Bösel auf dem Audi-Blog die relevanten Hinweise.
Ich möchte noch etwas vom Gefühl erzählen.

Zunächst aber ein paar Bilder

Mein weißes Kaninchen

Ich bin Audi-addicted, seit mein Kollege Bernd mich seinerzeit ans Steuer seines Audi S2 Coupé gelassen hat. Seit ich erstmal in den Sitz gedrückt wurde, als ich aufs Gas getreten habe und seit ich das erste mal selbst die Tacho-Nadel über 200 getrieben habe. Das muss so 1992 gewesen sein. Das Coupé war weiß mit weißen „Ohren“ – das erste Auto mit lackierten Außenspiegeln, das ich wahrgenommen habe. Mein weißes Kaninchen. Schon damals war ich beeindruckt von der Innenausstattung, auch wenn ich mich nicht an Details erinnern kann. Doch das Gefühl dass alles irgendwie „rund“ war, eben alles zusammenpasste,
sich sinnvoll und schön ineinanderfügte, das hatte ich – die selbst einen kleinen, bescheiden ausgestatteten Opel Corsa fuhr – schon damals wahrgenommen. Zudem beeindruckte mich das Gefühl auf der Straße zu kleben, selbst bei 200, selbst in Kurven, das gab mir so ein vermeintlich sicheres Gefühl. Zu sicher für mich. Als ein Corsa vor mir einscherte musste ich heftig in die Bremsen treten. Mein Fehler: Im Rausch der Fahrt hatte ich seinen Blinker übersehen. Es war knapp, aber der Audi rettete uns – mit dem Corsa wärs auch bei 140 schon um uns geschehen gewesen. Mein Beifahrer war weiß wie sein Auto.

Deutsche Wert(e)arbeit

So bekam Audi meinen Erste-Liebe-Status, und auch wenn viele tolle „Typen“ folgten: Die erste Liebe vergisst man nie. Zumal der Ingolstädter Hersteller bereits vor meinem Erstkontakt trotz aller vorheriger Biederkeit so viel Zuverlässigkeit, Souveränität und Selbstverständnis transportierte. Ein Image, das sich weitere Jahrzehnte gehalten hat. Dabei wurde er sportlicher, schicker, schneller, sicherer und – grüner. Und das schien so unangreifbar. Eine gute alte Marke, auf die man sich verlassen konnte. Made in Germany eben. Deutsche Wertarbeit. Bis zu diesem dunklen Tag im September, an dem der VW-Abgasskandal an die Öffentlichkeit geriet, und der auch Audi mitsog. Ein Skandal der alles in Frage stellte, woran man bisher glauben wollte. Die rote Pille war serviert. Und was sie offenbarte war für alle Gläubigen erschütternd. Betrug bei den wichtigsten deutschen Automarken – wie konnte es so weit kommen?
Darauf angesprochen reagieren die sonst so begeisterten und begeisternden Audi-Mitarbeiter auf der Avant-Präsentation leicht frostig. Das bekannte Glitzern in den Augen erlischt, das vorher so herzliche Lächeln wirkt erfroren. Die Enttäuschung, die den sonst so leicht und ehrlich demonstrierten Stolz auf ihre Marke erstickt, ist offensichtlich. Denn nicht nur Kunden wurden durch den Dreh an der Software betrogen. Auch die Mitarbeiter, die von all dem nichts wussten. Alle, die mit bestem Wissen und Gewissen, mit Herzblut und Überzeugung an Glanz und Perfektion ihrer Marke gearbeitet haben.
Und weil es eben jene Menschen bei Audi gibt, nehme ich heute die blaue Pille. Und lasse mich vom schönen Schein verführen. Denn ich bin sicher: Es sind genug Leute am Werk, die jetzt alles tun, um diesen Fehler nachhaltig zu korrigieren. Weil sie wissen, dass das einfach nicht passieren durfte. Weil es jetzt an die deutsche Werte-Arbeit geht.

Zurück aus der Matrix

So bleibt mir heute die Erinnerung an einen sonnigen Tag in Südfrankreich, aus dem ich mich leider viel zu schnell zurück in Hamburg wiederfand. Und ein leises Bedauern, dass nicht mehr Zeit zur Verfügung stand, um dieses besondere Areal zu entdecken und als Kulissen zu nutzen, in der tiefstehenden Abendsonne – im milden Licht.

Und wenn Ihr wissen wollt, wie sich so ein Tag anfühlt, dann schaut hier rein.

P.S.: * Dreh-Drücksteller – Liebe Audi-Designer, Eure Bezeichnungen solltet Ihr nochmal überdenken, denn die sind tatsächlich manchmal wirklich unsinnlich 😉

Posted on 4. November 2015 in Blog, Mobilität

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About the Author

Sandra Schink schreibt, bloggt und fotografiert seit 1990 für Redaktionen, Agenturen, Theater und Veranstalter. Für Unternehmen erstellt sie Konzepte für Blogs, setzt sie um, gestaltet sie und füllt sie mit Inhalten in Wort und Bild. Sie dolmetscht zwischen Kunden und Nerds, Journalisten und Bloggern. Zudem testet sie Produkte, Services, Mobilitätskonzepte und alternative Reisen auf Alltags- und Familientauglichkeit. Vita

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