Emotionalisieren, informieren, verkaufen: Fotos lesen lernen

Es ist alles eine Sprache. Man kann eigentlich alles lesen. Pina Bausch

Kennt Ihr die Serie um Detektiv Sherlock? Diesen hochfunktionellen Soziopathen, der aus jeder Szene, jedem Tatort Informationen heraus liest, die nicht für jeden gleich offensichtlich sind – aber mit dem nötigen Hintergrundwissen durchaus Sinn ergeben?
Kennt Ihr Pina Bausch, die Choreographin, die ihre Tänzer animierte, ihre Gefühle in der Bewegung zu visualisieren, ihnen bewegliche Bilder zu verleihen, und die so eine neue, bewegende Tanzsprache kreierte?

Beide arbeiten mit Bildern, mit damit verbundenen Erfahrungen, mit Informationen, die auf diesen Erfahrungen aufbauen, und setzen so ein Gesamtbild zusammen, das den ersten Eindruck entweder bestärkt – oder aber kippt.

Der StauAuch aus Fotos kann man mit detektivischem Spürsinn allerlei heraus lesen. Viel interessanter für ihren Einsatz in den Social Media Kanälen ist aber, was wir gar nicht bewusst lesen und dennoch unmittelbar aufnehmen.

Nehmen wir zum Beispiel dieses Bild: Es ist eine Momentaufnahme einer Alltagssituation, wie sie jeden Tag hundertfach durch unsere Newsfeeds rauscht. Keine Fotokunst, kein High-Tech-Foto, einfach ein durch eine Filter-App mehr oder minder aufgehübschtes Smartphone-Foto.

Beschreibe ich das was ich sehe sachlich und nach visuellen Informationen, so könnte das in etwa so aussehen:

Der Blick führt über einen Stau auf einer Autobahn in Deutschland. Es herrscht völliger Stillstand. Es ist Frühling oder Sommer. Das Wetter ist wechselhaft: Sonnig, bewölkt, aber warm. Es ist vormittags oder nachmittags. Im Vordergrund steht ein BMW. Ein Mann und eine Frau sind ausgestiegen. Der Mann schaut in Richtung der Frau. Die Frau schaut in Richtung des Staus. Es ist weder Sonn- noch Feiertag.

 

403 Zeichen für die reine Inhalts- und Informationsbeschreibung eines einzigen Fotos. Informationen, die wir mit einem Blick aufnehmen können, mehr oder weniger bewusst.

Nebenbei wird durch die ungewöhnliche Perspektive, den Filter und die Paar-Situation im Vordergrund unwillkürlich ein Roadmovie um das Motiv herum gesponnen: Das Kopfkino des Betrachters setzt sofort ein und malt seine eigene Geschichte in die Situation. Ich habe sechs Menschen gefragt, was ihnen dieses Foto erzählt.

Die Bedingungen

  1. Betrachte das Bild
  2. Beschreibe in 420 Zeichen (länge von drei Tweets) welche Geschichte es Dir erzählt
  3. Versuche so viel wie möglich aus den Bildinformationen in Deinem Text unterzubringen
  4. Beachte dabei auch Metainformationen zu Umgebung und Stimmung

Die Geschichten

Silke SchippmannWas ist da passiert? Jetzt steigen die auch noch alle aus. Boah das kann dauern. Wir wollen doch schnell heim nach diesem traumhaften Tag. Würden wir nur in die Gegenrichtung fahren müssen. Kannst du was sehen? Es ist so schwül. Ob es noch gewittern wird? Man, Stau in dieser Kutsche macht gar keinen Spaß, kaum Fußraum. Wie lang dauert das, muss ja übel gekracht haben. Kein Wunder, bei dem Wetter werden alle verrückt!

#heimreise #ausflug #stau #nervkram #meh

 

Silke Schippmann ist Unternehmensberaterin für Digitalfragen in Hamburg und Schleswig-Holstein – dialogartists.de

Stefan EvertzEntspannt sollte das Wochenende werden, für einen Nachmittag rüber in die Nachbarstadt. Und es gab Streit – natürlich. Denn es blieb ihr kleiner roter Flitzer, auch wenn am Ende jedesmal er auf dem Fahrersitz landete. Natürlich staute es sich wieder an der üblichen Stelle, während er sogar wieder seine Playlist ins Radio gemogelt hatte. Und diesmal sogar Vollsperrung. Den tollen Himmel hätten sie sonst nicht bemerkt.

 

#himmel #autobahn #vollsperrung #pause #autos

 

Stefan Evertz ist Social Media Berater bei Cortex digital in Köln – hirnrinde.de

heike_rostMenschen im Stau auf einer deutschen Autobahn, offenbar eine Vollsperrung bzw. längerer Stillstand (wer steigt schon aus, wenn es immer wieder mal einige Meter vorangeht).
Der/die Fotograf/in steht ebenfalls im Stau. Möglicherweise in einem etwas höher gebauten Fahrzeug (Perspektive!), unterwegs mit einem Smartphone, auf dem Apps zur Bildbearbeitung installiert sind.

#Autobahn #Stau #Vollsperrung  #Ortsbezeichnung #NamederAutobahn

 

Heike Rost ist Fotografin und Autorin mit journalistischem Hintergrund in Mainz – heikerost.com

Kopfkino: Das Beste draus machen

Nimm die Autobahn hab ich gedacht. Gib Gas, rasch zur Gartenparty, hab ich gedacht. Ich Depp. 80 Minuten Stillstand. Kein Weiterkommen in Sicht.
Jutta kenne ich kaum. Sie brauchte eine Mitfahrgelegenheit zur Party. Blöd steh ich da. Noch mehr Wolken. Ist sie sauer? „Kann man nichts machen“, sagt sie jetzt lächelnd, „waren das belegte Brötchen im Kofferraum? Dann machen wir es uns mal gemütlich.“ Es wurde gemütlich.

#stauromanze #dochnichtdummgelaufen #glück_im_Unglück #nie_aufgeben #WIDEG

 

Stefan Gössler ist Verkaufs- und Persönlichkeitstrainer in Österreich – methode.at

BMW ist cool

Mit BMW hebst du dich von der grauen Masse ab und behältst den Überblick. Statt der Herde der Lemminge zu folgen, siehst du die Alternativen (die Abfahrt rechts). Du liebst Farbe, bist jung, dynamisch, hip und positiv. Gibst dem tristen Alltag keine Chance (Himmel über dem BMW noch hell, über der grauen Masse schon graue Wolken. BMW macht dich zu etwas Besonderem.

#stau #nerv #bmw #klimaanlage #durst

 

Ulrike Rosina ist Digital Communication Professional in Baden-Württemberg – ulrikekommuniziert.com

Seija NeitzelEinige Dinge will man meiden. Stau. Unnötig, doof. Wer braucht schon Stau? Der Himmel schaut trüb. Aussteigen, die Füße vertreten. Was bleibt sonst? Man steht dort, die Ferne, überliest die eigene Vorfreude. Andere haben Glück. Quatsch, Ärger macht dumm. Keine rechten Gedanken schwirren um, man ist doch nie alleine im Stau. Alle wollen sich die Füße vertreten, die Ferne anstarren, die eigene Vorfreude überlesen und..

#traffic #dayoff #sunday #notfair #annoying

 

Seija Neitzel ist Schülerin in Schleswig-Holstein – The Northern South

 

Wahrnehmungswerkzeug: Fotos informieren und emotionalisieren

Das spannende Ergebnis dieses kleinen Experiments: Jeder hat seine eigene Wahrnehmung und seine eigene Interpretation auf das Bild und spinnt sofort eine emotionale Geschichte hinein. Was wäre wohl passiert, wenn ich diese sechs Menschen gefragt hätte:

  1. Lies meine Statusmeldung: „Mist, ich steh im Stau!“
  2. Beschreibe in 420 Zeichen (länge von drei Tweets) welche Geschichte Dir zu dieser Statusmeldung in den Sinn kommt
  3. Versuche so viel wie möglich aus den Informationen in Deinem Text unterzubringen
  4. Beachte dabei auch Metainformationen zu Umgebung und Stimmung

 

Die Annahme, dass meine Interviewpartner einigermaßen ratlos auf diese Bitte reagiert hätten, liegt nah.

 

Durch jedes Foto werden mehr Informationen aufgenommen, als uns bewusst ist

Während die Fotojournalistin das Foto – gemäß den Routinen ihres beruflichen Hintergrundes – bereits nach der Aufgabenstellung nach sachlichen Fakten gescannt und diese aufgeführt hat, haben aber auch alle anderen Beteiligten auf meine diesbezüglichen Folgefragen präzise Antworten geben können:

Auf die Frage, in welchem Land diese Szene spielt, haben ausnahmslos alle – teils verwundert, dass ich diese Frage überhaupt stelle – mit ‚Deutschland‘ beantwortet. Als Anhaltspunkte dafür wurden auf Nachfrage Kennzeichen, Autobahnbeschilderung und die schwarzweißen Leitpfosten benannt: Informationen die für die Beteiligten wohl so offenkundig waren, dass sie nicht mal auf die Idee gekommen sind, sie in ihre Geschichten mit aufzunehmen.

Auf die Frage nach Jahreszeit und Wetterlage antworteten alle Beteiligten einhellig mit ’sommerlichen Temperaturen‘ und ‚Frühling‘ oder ‚Sommer‘ – Auch das Offenkundige auf dem Bild ist aber eine Information, die eine zeitpunktunabhängig präsentierte Statusmeldung wie „Ich steh im Stau“ nicht liefern könnte.

Allen war ersichtlich, dass es sich um eine wechselnde Wetterlage handelt und dass es ein Unwetter geben könnte. Und interessanterweise haben alle auf Nachmittag und frühen Abend getippt (was richtig ist), als ich nach der Tageszeit gefragt habe, keiner auf vormittags, wo die Sonne ebenfalls tiefer steht.

Nur beim Wochentag gab es unterschiedliche Annahmen: Die meisten tippten zwar auf Freitag nachmittag und/oder Ferienanfang (wegen der Freizeitkleidung des Pärchens), aber auch Wochenende und Sonntag wurde genannt. Dass es kein Sonn- oder Feiertag sein kann, zeigen aber bei näherem Hinsehen die LKWs: In Deutschland herrscht an diesen Tagen ein Fahrverbot für Fahrzeuge über 7,5t 😉

 

Bildschirmfoto 2014-07-14 um 14.07.51Ein Bild wird 60.000x schneller verarbeitet, als ein Wort

Studien zufolge nimmt der Betrachter das Bild eines Apfels 60.000 mal schneller auf, als das Wort „Apfel“ – wie auch diese Infografik von wyzowl versucht darzustellen. Demnach nehmen wir nur zehn Prozent von dem, was wir hören, bewusst auf und behalten es. Und nur zwanzig Prozent der Informationen die wir lesen bleiben auch „hängen.“
Ein Bild dagegen kann – wenn es im passenden Kontext ein Thema illustriert – ebenso wie die Erfahrung durch selber machen eine Information zu achtzig Prozent in der Erinnerung manifestieren.

Fotos lesen lernen

In der täglichen Kommunikation in den sozialen Netzwerken ist es also hilfreich, auf die richtigen Fotos zu setzen. Und zwar weniger auf austauschbare Stockfotos, die selten das Thema eines Artikels tatsächlich umfassend widerspiegeln und die passenden Informationen dazu vermitteln können, denn auf selbst gemachte oder individuell angefertigte Fotos durch Fotografen, die das Handwerk der Informationsvermittlung durch Bildsprache verstehen.

Für weitere Informationen zum Thema „Fotos lesen lernen“ und „Fotos einsetzen zur Informationsvermittlung und Emotionalisierung“ stehe ich gern in einem Gespräch zur Verfügung. Und ganz sicher gibt es dazu mehr demnächst in diesem Blog.

Posted on 14. Juli 2014 in Communication, Fotografie, Storytelling

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About the Author

Sandra Schink schreibt, bloggt und fotografiert seit 1990 für Redaktionen, Agenturen, Theater und Veranstalter. Für Unternehmen erstellt sie Konzepte für Blogs, setzt sie um, gestaltet sie und füllt sie mit Inhalten in Wort und Bild. Sie dolmetscht zwischen Kunden und Nerds, Journalisten und Bloggern. Zudem testet sie Produkte, Services, Mobilitätskonzepte und alternative Reisen auf Alltags- und Familientauglichkeit. Vita

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